
Sie retten Lebensmittel und helfen Menschen, die von Armut betroffen sind: Mit 77.000 Helfern sind die über 970 Tafeln eine der größten sozial-ökologischen Bewegungen in Deutschland. Angesichts hoher Mieten und gestiegener Preise ist die Lage seit Jahren angespannt, gleichzeitig fehlt es an Spenden aus dem Einzelhandel. In Krefeld nutzen über 2.000 Kunden die Lebensmittelausgabestellen der Tafel. Der neue Vorstand um Svenja Fusten-Görtz und das motivierte Team meistern jede Krise und lassen sich auch von Wind und Wetter nicht beirren. Ein winterlicher Besuch bei der Gemeinschaft moderner Tafelritter, die ohne Rüstung und Schwert, dafür mit Herz und dickem Fell für ein Lächeln und eine warme Mahlzeit sorgen.
Es herrscht ungewöhnlich dichtes Schneetreiben, als wir an diesem Mittwoch im Januar zu Fuß die wenigen Meter vom Stammsitz der Krefelder Tafel in Bockum zum Bunker gehen. In diesem logistischen Zentrum werden täglich tonnenweise Lebensmittel mit fünf eigenen Transportern angeliefert, in Kisten sortiert und zum Abtransport an die Ausgabestellen vorbereitet. Doch obwohl uns draußen die Flocken ins Gesicht fliegen, lassen sich die zupackenden Helfer nicht die Laune verderben. „In Krefeld sind über 2.000 bedürftige Menschen, darunter viele Rentner, Arbeitslose, Migranten und Kinder, auf unsere Lebensmittel angewiesen“, erklärt die frischgebackene Vorsitzende Svenja Fusten-Görtz mit fester Stimme und ergänzt: „Natürlich fahren wir auch bei Schnee und Eis!“ Obwohl die 49-Jährige erst seit Ende November im Amt ist, hat sie Zahlen und Fakten sehr schnell parat, was nicht nur auf gute Vorbereitung schließen lässt, sondern auch auf ihre jahrelange Erfahrung als gut vernetzte IHK-Vizepräsidentin und Inhaberin einer Agentur für Nahrungs- und Genussmittel zurückzuführen ist. Sie wird uns später noch genauer erzählen, wie sie als Quereinsteigerin im neuen Vorstand landete.

Doch zunächst sollen wir „unbedingt“ weitere Vorstandskollegen wie Ralph Matschinsky (2. Vorsitzender und seit drei Jahren bei der Tafel) und Thomas Vogel (Kassierer und seit 20 Jahren dabei) sowie das heutige Küchenteam kennenlernen, das an jedem Werktag an der Friedrich-Ebert-Straße 168 eine warme Mahlzeit an armutsbetroffene Menschen und Obdachlose ausgibt. Denn Köchin Trudi Lehmeier, geschätzt 80 Jahre alt und liebevoll als „Herz des Mittagstisches“ bezeichnet, hat nach getaner Arbeit noch einen Termin, wie sie lächelnd verrät. Auf das gemeinsame Foto will sie eigentlich gar nicht, lieber zählt sie auf, was sie mit geretteten Lebensmitteln auf die Teller der rund 130 angemeldeten Gäste gezaubert hat: „Heute gab es Hühnerfrikassee, Reis und Spätzle, gestern Zwiebelsuppe, Nudelsalat, Grünkohl und Pudding. Und morgen stehen Kartoffeln mit Hering auf dem Plan.“ Wer keinen Fisch mag oder auf Fleisch verzichten möchte, solle halt eine Zutat weglassen, heißt es so resolut wie herzlich. Schließlich müsse je nach Verfügbarkeit der Waren geplant und improvisiert werden, was auf den einzigen warmen Mittagstisch in Krefeld komme. Doch das Küchenteam weiß unisono: „Bei uns wird jeder satt!“ Und das sogar kostenlos, ein Leistungsnachweis oder Einkommensbescheid reichen. Ob wir den aufgedruckten Ponzelar auf den neuen Schürzen schon bemerkt hätten, ruft Trudi noch energisch, bevor sie schnellen Schrittes das Gemeindezentrum der Kirche verlässt. Morgen wird sie ein anderes Team aus ehrenamtlichen Helfern managen, erfahren wir von Svenja Fusten-Görtz, während wir ein ruhiges Plätzchen suchen.

Hört man der schnell sprechenden Diplom-Betriebswirtin länger zu, wird schnell deutlich, dass sie am liebsten die ganze „bunte“ Mannschaft aus insgesamt 160 Helfern mit zum Interview gebracht hätte. Sie strahlt Begeisterung und Dankbarkeit aus; bis vor Kurzem war sie noch im Kirchenvorstand aktiv, das Engagement für andere ist ihr also nicht fremd. „Ohne die Arbeit meiner Vorstandskollegen und unserer Geschäftsleitung und ohne die vielen großartigen Menschen, die den Gedanken der Tafel ‚Lebensmittel retten – Menschen helfen‘ jeden Tag an den verschiedenen Stellen mit Leben füllen, könnte auch ich nichts bewirken“, schreibt sie direkt nach unserem Gespräch, um den Gemeinschaftsgedanken der Tafel noch einmal zu betonen. Das Konzept ist klar formuliert: „Tafeln sammeln nicht mehr benötigte, aber noch verwendbare Lebensmittel von Spenderfirmen und geben sie an bedürftige Menschen weiter.“ Rund 800 Tonnen Lebensmittel würden so allein in Krefeld jährlich gerettet, wirft Geschäftsleiterin Hannah Wirtz kurz ein und nennt die Ausgabestellen, die die Menschen in Not auf kurzem Wege versorgen: Stahldorf, Fischeln, Gartenstadt, Krefeld Mitte und Oppum. Dazu kommt die Ausgabestelle „das tägliche Brot“, die von der katholischen Kirchengemeinde Papst Johannes betreut wird.
Dass viele Kinder morgens ohne Frühstück aus dem Haus gehen müssen, Jugendliche vorzeitig die Schule abbrechen oder keine Ausbildung finden und Armut oftmals von Generation zu Generation weitergetragen wird, geht Svenja Fusten-Görtz sichtlich nahe, auch wenn sie bei Aufenthalten im Ausland schon „viel Elend“ gesehen habe. Die vierfache Mutter will die Not der Menschen hier vor Ort nicht vergessen und zögerte nur kurz, als sie im Herbst gefragt wurde, ob sie das durch den Weggang des langjährigen Vorgängers Hansgeorg Rehbein entstandene „große Vakuum“ füllen wolle. Der Familienrat habe einhellig „grünes Licht“ gegeben, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Zwei Wochen nach der Zusage wird die pragmatisch wirkende Frau bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Vorstandsvorsitzenden gewählt.

Auch wenn der Registereintrag beim Vereinsgericht noch aussteht, hat sie die Kindertafel bereits zur Chefsache erklärt. Aus gutem Grund: „Knapp jeder dritte Tafelkunde in Deutschland ist ein Kind“, meldete die Deutsche Presse-Agentur zum Jahresende; in Krefeld liegt die Quote bei ca. 29 Prozent. Ende 2007 hatte der Verein in Ergänzung zur bisherigen Arbeit eine zusätzliche Kindertafel eingerichtet, um gezielt bedürftige Kinder in der Seidenstadt zu unterstützen. Die Projekte reichen von Wunschsternen zu Weihnachten über Mittagessen in Schulen bis hin zu sportlichen Ferienprogrammen, dem Projekt „mobisatt“ oder der Kooperation mit „Schlaue Löffel“. „Mein Herz hängt an der Kindertafel“, sagt Svenja Fusten-Görtz bestimmt und erinnert sich: „Ich kenne dieses Prinzip bereits aus Amerika, als ich in einer Suppenküche arbeitete, um Sozialpunkte für die Schule zu sammeln.“ Weil Armut außer Hunger und schlechter Gesundheit viele weitere Probleme mit sich bringe, will sich die Vorsitzende mit ihrem Team zudem für Mentoringprogramme, Sportgutscheine oder die Kulturtafel unter der Leitung von Katharina Nowak einsetzen, um die nächste Generation aus diesem „teuflischen“ Kreislauf herauszubringen. „Soziale Teilhabe ist so wichtig, auch bedürftige Kinder sollen Theater, Kino und Zirkus besuchen können oder im Sport erleben, dass sie etwas können!“
Damit die vielen Helfer der Tafel auch weiterhin eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel schlagen können, sind sie stets auf der Suche nach weiteren Spendern und Ehrenamtlichen, die sinnstiftende Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit leben wollen. „Jeder kann etwas einbringen: Kochen beim Mittagstisch, Lebensmittel ausgeben, rechtlichen Rat erteilen oder beim Datenschutz beraten“, erklärt die Krefelderin bescheiden. Und gibt uns ein fast ritterliches Credo mit auf den Heimweg: „Einfach mal machen, könnte gut werden!“
Tafel Krefeld e.V.
Friedrich-Ebert-Straße 160
47800 Krefeld
Telefon: 021 51 – 53 88 98
E-Mail: info@tafel-krefeld.de
Spenden und Mitmachen: tafel-krefeld.de/
Kindertafel: IBAN DE86 3205 0000 0000 9531 74
Sparkasse Krefeld
Fots. Felix Burandt

